Um die Welt etwas besser kennen zu lernen, habe ich vergangenen Sommer eine sechs wöchige Reise in Indien unternommen. Ich wusste, dass Petra Hanrieder schon in Indien war und lies mir von ihr ein paar Tipps zur Reisevorbereitung geben. Sie sagte mir, dass ich, falls ich nach Kerala fahre, das Samhathi Projekt in der Nähe von Kochin besuchen könnte. Meine Reise führte mich tatsächlich dorthin und, weil ich mich sehr für Hilfsprojekte interessiere, habe ich einfach einmal Father Jacob angerufen und ihm gesagt, dass ich gerne einmal vorbeischauen würde. Er antwortete mir, dass ich herzlich willkommen bin und sie sich immer über Besuch freuen.
Tags darauf stand ich auch schon an der Bushaltestelle von Alleppey und wurde von Father Jacob abgeholt. Ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht, was mich erwarten würde und war deshalb sehr überrascht, dass etwa 15 indische Frauen und einige Männer mich freudig und mit einer duftenden Kette aus Jasmin und Blumen begrüßt haben. Die Gastfreundschaft hat mich fast etwas beschämt und umso froher war ich darüber, dass auch eine junge Deutsche (Katharina Pfaffel) da war, die sich schon lange für Samhathi engagiert und sich um die Mittelbeantragung bei deutschen Regierungs- oder Nichtregierungseinrichtungen kümmert. Sie erklärte mir vieles über die verschiedenen Projekte von Samhathi, bis uns dann Father Jacob etwas auf dem Gelände herumführte. Er zeigte uns ein Projekt bei dem Frauen eine Ausbildung im Schneidern von Saris bekommen und befragte uns darüber, wie er zwei kleine Appartements für Besucher des Projektes gestalten solle. Dann zeigte er uns auch den Rohbau für das neue Kinderhaus. Es ist groß und direkt im Samhathi Gelände gelegen. Father Jacob zeigte uns die Klassen-, Schlaf-, Küchen-, Freizeit- und Waschräume und die Kapelle und erzählte uns mit einem Strahlen in seinen Augen, wie alles ausschauen soll, wenn es fertig ist. Kinder aus armen Verhältnissen sollen dort die Möglichkeit bekommen zu wohnen und in einem Rahmen zu leben, in dem sie für die Schule lernen können. Tagsüber gehen sie in die staatliche Schule und abends bekommen sie in diesem Schülerheim Hausaufgabenhilfe und andere Angebote. Es sollen etwas mehr Mädchen als Jungen dort wohnen dürfen, weil in Indien Mädchen meist noch deutlich schlechtere Bildungschancen haben als Jungen. Interessant fand ich, dass es das Projekt schon gab, obwohl das Haus noch nicht fertig war. Die Kinder wohnten in einem nahe gelegenen Grundstück in einer schlichteren Unterkunft. Dort trafen wir dann auch andere Mitarbeiter von Father Jacob, die gerade von ein paar Männern einer größeren Hilfsorganisation begleitet wurden, die die Projekte von Samhathi anschauten. Nicht nur die Herzlichkeit und Liebe zu ihrer Arbeit aller Mitarbeiter von Samhathi, sondern auch die professionelle Organisationsstruktur und Verbindung zu vielen anderen internationalen Organisationen faszinierten mich sehr.
Nach einem leckeren Mittagessen nahm sich ein enger Mitarbeiter (Sony) Zeit und fuhr mich mit dem Auto in der Nähe etwas herum, um mir ein paar weitere Projekte von Samhathi zu zeigen. Wir besuchten eine Familie, die vom „My Indian Family“ Projekt monatlich mit 10 Euro unterstützt wird. Es war wirklich eine arme Familie, eine Witwe und ihre Mutter, die beide keine richtige Arbeitsstelle haben und somit auch kein geregeltes Einkommen. Sie verdienen sich etwas Geld mit dem Anfertigen von Bastseilen. Da diese Arbeit sehr aufwendig ist und nur wenig Geld abwirft, sollen ihnen die 10 Euro im Monat wenigstens eine sehr kleine, aber dafür sichere Einnahmequelle bieten, bis sie ihr eigenes Einkommen vergrößern können. Danach besuchten wir eine Fischerfamilie, die genauso wie alle anderen Fischer immer noch unter der Fischarmut im Indischen Ozean, die durch den Tsunami verursacht worden ist, leiden. Ihr altes Haus war schon sehr schlecht und deshalb sind sie in das Hausprojekt von Samhathi aufgenommen worden. Neben einem kleinen aber feinen Haus haben sie auch noch einen Wassertank bekommen, weil die Trinkwasserversorgung ebenfalls ein großes Problem darstellt und schlechtes Wasser zu vielen Krankheiten führen kann. Der Familienvater und einer seiner Söhne waren da und berichteten darüber, wie sehr sie sich über die Unterstützung von Samhathi freuen. Darauf fuhren wir noch zum Strand der Fischer. Es roch stark nach Fisch, den die Fischer dort trocknen und somit haltbar machen. Mich wunderte es sehr, dass eigentlich sehr schöne Fischerboote am Strand lagen. Doch wurde mir erklärt, dass diese nicht den Fischern gehören, sondern einem reichen Mann, der den Fischern für dessen Benutzung soviel Beute abnimmt, dass sie ihre Schulden eigentlich niemals bezahlen können.
Als wir dann wieder zurück zum Samhathi Büro kamen, war ich noch zu einer kleinen Geburtstagsfeier eines Mitarbeiters (Saju) eingeladen. Der ganze Tag war voll von Eindrücken und viel zu kurz um alle Aktivitäten von Samhathi kennen zu lernen. Doch ich war sehr beeindruckt davon, wie viele Menschen und Problemlagen von Samhathi erreicht werden und auf professionellem Niveau unterstützt werden. Es war sicherlich ein Tag, den ich nicht vergessen werde. Sebastian Kistler |