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Bericht von Gerhilde Winbeck über die Indienreise der Theater-AG des Christoph-Scheiner-Gynmnasiums Ingolstadt

"SHREYAS" ist ein altes Sanskritwort, das unsere indischen Freunde über ihre Programme gesetzt haben und das sie nicht mit einem Begriff übersetzen können: Glück, Segen, Freude, Wonne, Seligkeit - alles das schwingt mit und lässt sich nicht auseinander dividieren in Materielles und Geistiges, Diesseitiges und Jenseitiges.
Ein Abglanz davon ist spürbar in jedem Lächeln, einem stillen Aufleuchten, das einem so oft geschenkt wird und das die Gesichter noch schöner macht und sprachliche Verständigungsprobleme unwichtig erscheinen lässt. Wie schnell hatten wir, einmal in dem Küstenstädtchen Alleppey angekommen, uns an alles gewöhnt: unser geräumiges säulenbewehrtes Haus mit Bananenhain und Koch Kochappan, der uns liebevoll und bescheiden in die indische Küche einführte, die Gesänge der drei uns umgebenden Religionen, über einem Teppich von Naturlauten hin und herwogend, das üppig bunte Straßenpanorama, ein ständiges Pulsieren von menschlichem und tierischem Leben mit und ohne Gefährt, die immer ruhig schreitenden Frauen wie wandelnde leuchtende Blüten dazwischen.

Immer umsorgt von meiner Freundin Ursula Flüeck und Direktor Fr A.Jacob Paliath, den beiden Säulen der Social Welfare Society (jetzt: Samhathi) und seinem Team, blieb uns eigentlich jeglicher Kulturschock erspart. Schon greifen die diversen Basisprogramme, die der so vielseitig begabte und immer fröhliche, von Jesuiten ausgebildete einstige Fischerjunge erst vor wenigen Jahren ins Leben gerufen hat, erfolgreich ineinander. Auch wenn das Startkapital von Europa kommt, so wird hier wirklich mit den Pfunden gewuchert im Sinne einer wunderbaren Brotvermehrung: das Team, weiblich und männlich besetzt, auch mit urigen Gestalten darunter, strahlt in hohem Maße Selbstverantwortung und einen klaren Arbeitswillen aus. Nie stoßen wir auf Almosenempfänger, auch nicht bei dem speziell von uns geförderten und blühenden Christoph-Scheiner-Studycenter (CSSTC) in Punnapra, vielmehr auf dankbare Freude über unseren Besuch, die in wunderbaren und uns berührenden Formen des Feierns, Begrüßens, Ehrens und Dankens ihren Ausdruck findet. Wir lassen uns tragen von der Freude, die uns umgibt und versuchen darauf zu reagieren. Die einfachen, aber zweckmäßigen und luftigen Gebäude hat man liebevoll dekoriert zu unserem Empfang. Man führt uns durch die nur durch Stellwände getrennten Klassen, wo alle Kinder unsere Namen wissen wollen und auch ihren sagen (und sie strahlen tatsächlich über unseren Besuch!), man schmückt jeden von uns mit duftenden Jasminketten und fächelt uns Kerzenduft zu, man hat uns ein Mahl bereitet, man tauscht vor versammeltem Auditorium Reden aus und immer wieder Lieder! Nicht alle Studiencentren blühen so wie das CSSTC, andere könnten schon Nachschub brauchen, erfahre ich indirekt, direkt würden die zugleich stolzen und bescheidenen Inder nie einen Mangel ansprechen.

Unerschöpflich ist das Reservoir an sozialen und kreativen Ideen von Direktor Fr A.Jacob Paliath, unerschöpflich seine Fähigkeit zur Freundschaft. Angefangen hat ja alles mit der Befreiung der Fischer aus den Fängen der Fisch-Mafia. Wir müssen sehr früh am Meer sein, um die Rückkehr der Fischer mit ihrer oft kargen Ausbeute nach 20 gefährlichen Stunden auf hoher See mitzuerleben und wie die golduhrenbesetzten "Middlemen" ihnen die Preise diktieren. Während es hier um die Existenz von Familien geht, können einige von uns den Geruch verwesender Fische kaum ertragen. Mit Peter, dem knorrigen und kraftvollen Leiter der Fishermengruppen, gerate ich in den innersten Kreis jener Mafiosi, die ihn schon einmal brutalst zusammengeschlagen haben. Sein Lachen ist umwerfend. Wer vor einer Generation im Kastensystem ganz unten bzw. außerhalb war, kann nun Hoffnungsträger sein. Zur harten Sozialarbeit kommt die Fantasie; Peter hat auch ein mehrstündiges Drama über Women´s Liberation (Frauenbefreiung) geschrieben und aufgeführt, er wird sich zerreißen, um unsere Penthesilea - Teilaufführung am CSSTC mit Kulissen und bengalischer Beleuchtung auszustatten....(Diese zu schildern, wäre ein Thema für sich! Hier sei nur so viel gesagt, dass diese Kleist´sche Premiere in Südindien vor armen Fischerkindern und in Kooperation mit Raji, einer kleinen indischen Tänzerin als Kulturexport der ganz besonderen Art aufgenommen wurde! Peters apartes Töchterchen Sonja ist Star in Mathematik und für ihresgleichen wurde von Direktor Fr A.Jacob Paliath das sog. Career-Guidance-Center gegründet, das ein Studium ermöglicht und gleichzeitig die so Geförderten wieder zur Hilfe verpflichtet. Nie sollen die Wurzeln vergessen werden! Auch dort unter den "Fortgeschrittenen" ist uns ein überwältigender Empfang mit ganz besonders schönen Tänzen und einer langen wohlgesetzten Rede durch eine Schülerin beschert...aber auch für diese sinnvolle Institution wäre Nachschub vonnöten! Es ist zu hoffen, dass sich über Bildung auch das für viele indische Familien so drückende Mitgiftproblem von selbst auflösen wird, da für ein Mädchen, das in der Lage ist, einen Beruf auszuüben, die Mitgiftforderung selbst für indische Männer ihren Sinn verliert...

Bemerkenswert und erfolgreich ist auch die Bildung und Zusammenarbeit von Frauengruppen in den Dörfern nördlich von Alleppey. Wir durften zwei ihrer Kreise beiwohnen, sahen die sauber geführten Büchelchen in ihren Händen, wo jeder kleine Beitrag zur gemeinsamen Investition eingetragen wird und kauften in ihrem winzigen neugegründeten Laden Nüsse. Man spürt das Band, das diese Frauen verbindet, das Schweres als geteiltes Leid besser ertragen und sie nach gemeinsamen Lösungen suchen lässt. Klar, dass dieses Band nicht gegen die Männer gerichtet ist und dass ihnen die Religion eine große Stütze ist. Ob sie wissen, dass sie im Paradies leben, fragen wir sie, denn die strohgedeckten Hütten unter den Kokospalmen sind keine 50m vom unberührtesten aller Robinson-Crusoe-Strände entfernt. Lächelnd wiegen sie den Kopf auf indische Art und fragen nicht zurück, ob wir wissen, dass bei der nächsten Seeerosion womöglich ihre Hütten weggerissen werden. Aber schon sind sie dabei, bei der Regierung durch sanften Druck den Bau eines Schutzwalles zu erwirken!

Ein völlig anderes Szenario stellt die von der Society unterstützte Kokosmattenherstellung dar, die wir von Anfang an, d.h. vom mit rhythmischem Gesang unterstützten Ausladen der Nüsse vom Boot und dem mühsamen Lösen der Fasern durch Frauen - auch das Verzwirnen ist Frauenarbeit - bis zum Ende, dem Auftragen von Mustern verfolgen. Das Ingangsetzen der Häckseltrommel wird unter unseren Augen zum Dorfereignis; noch ist das Verhältnis Mensch - Maschine archaisch, gewissermaßen frühindustriell. Besonders schöne, feste Matten sind das zweifellos, die da in Kerala, dem Kokosland gefertigt werden, aber kein Auftrag mehr aus Deutschland... Wie könnte man helfen?

Einmal fahren wir so weit in den Norden, in die blauen Berge, wo Tee und Pfeffer wächst, dass wir sogar das Kokosland unter uns lassen. Im Dschungelgebiet leben zurückgezogen in unmittelbarer Nachbarschaft mit Elefanten, Affen, Bisons und Tigern die Ureinwohner, erkennbar an der breiteren Kopfform und Wuschelhaaren. Hier ist uns am wenigsten wohl, als wir ihre ärmlichen Behausungen passieren; obwohl wir im Gefolge derer sind, die ihnen zu Arbeitsmöglichkeiten verhelfen, lässt sich das Gefühl, Eindringling zu sein, nicht abstellen. Selbst hier oben fängt uns das Netz auf, das engagierte Priester, noch vom Studium her befreundet, über weite Strecken knüpfen. Der schelmische, ebenfalls so jugendlich wirkende Father Sabu, der uns verköstigt und so gerne Witze über Ameise und Elefanten erzählt, entpuppt sich plötzlich als geachteter Direktor der größten Schule des Pfeffergebiets in Sultan Bathery. Während er uns im Direktorat begrüßt, nähert sich ein Winzling, um dem Direktor vertrauensvoll mitzuteilen, dass er jetzt gleich brechen müsse...Abends in der Dschungelhütte: während im benachbarten Hindutempel anlässlich des Ganesha-(=Elefantengott) Festes die ganze Nacht die Trommel gerührt und hingebungsvoll getanzt wird von den Bergbewohnern, die uns ohne weiteres auch in ihre Mitte lassen, erfahren wir schon auch mal etwas von der religiösen Motivation dieser so hart in der Sozialarbeit werkelnden jungen Priestern, von heiligen Orten, wo tausende Christen zusammenströmen und die gemeinsame Energie und Frömmigkeit auch das Erlebnis von Wundern nicht ausschließt...Aber nie ist dieser Glaube penetrant oder gegen einen andern gerichtet, auch gibt es in Südindien (noch?) keine gehässigen Reaktionen fundamentalistischer Hindukreise. Die boshafte Bemerkung Nietzsches über die Christen: "Erlöster müssten sie aussehen!" - an Direktor Fr A.Jacob Paliaths Lachen und das seiner Freunde würde sie zerschellen!

So haben wir, ohne den Begriff zu benutzen, Theologie der Befreiung in Reinkultur erlebt, sogar als im Bischofshaus in Alleppey nach dem Mahle, ausgelöst durch unsere "Kuttikals" (= Kinder), homerisches Gelächter um sich griff.

Am ungehemmtesten konnte sich diese Fröhlichkeit aber bei den Bootsfahrten in den Backwaters, so heißt die ausgedehnte Wasserlandschaft des "Venedig des Ostens" parallel zum Meer, in Stunden reinster Erholung entfalten. Hier wurde weit hinaus gefahren, an winzigen Inselchen gehalten, Kokossaft geschlürft, in voller Kluft ins Wasser gesprungen, in Schlangenbooten gekentert, den Bewohnern der Landzungen zugewunken, ein 800 Jahre altes Backwaterhaus mit Kapelle und Reisspeicher neben dem Esszimmer besucht und , natürlich, gesungen... Immer wieder faszinierte mich diese ganz andere Art zu singen, leise, mit geschlossenen Augen, das Lied gleichsam zärtlich aus der Erinnerung heraufholend und sich in Wellen rhythmischer und rhythmischer entfalten zu lassen, bis die Rudergemeinschaft unverkennbar ist, mitunter dem Gast eine Sequenz darreichend wie ein Geschenk... Nie wurde es einem zu viel, wenn bei der nächtlichen Heimkehr die Petroliumlämpchen in den Hütten über dem Wasser aufleuchteten und die Fischer schon wieder zur Nacht auf hohe See fuhren.

So sollte es uns auch nie zu viel werden, weiterhin zu helfen und wen auch immer dazu anzuregen, denn diese Hilfe trägt hundertfach Frucht.!

Gerhilde Winbeck