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"SHREYAS" ist ein altes Sanskritwort,
das unsere indischen Freunde über ihre Programme
gesetzt haben und das sie nicht mit einem Begriff übersetzen
können: Glück, Segen, Freude, Wonne, Seligkeit
- alles das schwingt mit und lässt sich nicht auseinander
dividieren in Materielles und Geistiges, Diesseitiges
und Jenseitiges.
Ein Abglanz davon ist spürbar in jedem Lächeln,
einem stillen Aufleuchten, das einem so oft geschenkt
wird und das die Gesichter noch schöner macht und
sprachliche Verständigungsprobleme unwichtig erscheinen
lässt. Wie schnell hatten wir, einmal in dem Küstenstädtchen
Alleppey angekommen, uns an alles gewöhnt: unser
geräumiges säulenbewehrtes Haus mit Bananenhain
und Koch Kochappan, der uns liebevoll und bescheiden
in die indische Küche einführte, die Gesänge
der drei uns umgebenden Religionen, über einem
Teppich von Naturlauten hin und herwogend, das üppig
bunte Straßenpanorama, ein ständiges Pulsieren
von menschlichem und tierischem Leben mit und ohne Gefährt,
die immer ruhig schreitenden Frauen wie wandelnde leuchtende
Blüten dazwischen.
Immer umsorgt von meiner Freundin Ursula Flüeck
und Direktor Fr A.Jacob Paliath, den beiden Säulen der Social
Welfare Society (jetzt: Samhathi) und seinem Team, blieb
uns eigentlich jeglicher Kulturschock erspart. Schon
greifen die diversen Basisprogramme, die der so vielseitig
begabte und immer fröhliche, von Jesuiten ausgebildete
einstige Fischerjunge erst vor wenigen Jahren ins Leben
gerufen hat, erfolgreich ineinander. Auch wenn das Startkapital
von Europa kommt, so wird hier wirklich mit den Pfunden
gewuchert im Sinne einer wunderbaren Brotvermehrung:
das Team, weiblich und männlich besetzt, auch mit
urigen Gestalten darunter, strahlt in hohem Maße
Selbstverantwortung und einen klaren Arbeitswillen aus.
Nie stoßen wir auf Almosenempfänger, auch
nicht bei dem speziell von uns geförderten und
blühenden Christoph-Scheiner-Studycenter (CSSTC)
in Punnapra, vielmehr auf dankbare Freude über
unseren Besuch, die in wunderbaren und uns berührenden
Formen des Feierns, Begrüßens, Ehrens und
Dankens ihren Ausdruck findet. Wir lassen uns tragen
von der Freude, die uns umgibt und versuchen darauf
zu reagieren. Die einfachen, aber zweckmäßigen
und luftigen Gebäude hat man liebevoll dekoriert
zu unserem Empfang. Man führt uns durch die nur
durch Stellwände getrennten Klassen, wo alle Kinder
unsere Namen wissen wollen und auch ihren sagen (und
sie strahlen tatsächlich über unseren Besuch!),
man schmückt jeden von uns mit duftenden Jasminketten
und fächelt uns Kerzenduft zu, man hat uns ein
Mahl bereitet, man tauscht vor versammeltem Auditorium
Reden aus und immer wieder Lieder! Nicht alle Studiencentren
blühen so wie das CSSTC, andere könnten schon
Nachschub brauchen, erfahre ich indirekt, direkt würden
die zugleich stolzen und bescheidenen Inder nie einen
Mangel ansprechen.
Unerschöpflich ist das Reservoir
an sozialen und kreativen Ideen von Direktor Fr A.Jacob Paliath, unerschöpflich
seine Fähigkeit zur Freundschaft. Angefangen hat
ja alles mit der Befreiung der Fischer aus den Fängen
der Fisch-Mafia. Wir müssen sehr früh am Meer
sein, um die Rückkehr der Fischer mit ihrer oft
kargen Ausbeute nach 20 gefährlichen Stunden auf
hoher See mitzuerleben und wie die golduhrenbesetzten
"Middlemen" ihnen die Preise diktieren. Während
es hier um die Existenz von Familien geht, können
einige von uns den Geruch verwesender Fische kaum ertragen.
Mit Peter, dem knorrigen und kraftvollen Leiter der
Fishermengruppen, gerate ich in den innersten Kreis
jener Mafiosi, die ihn schon einmal brutalst zusammengeschlagen
haben. Sein Lachen ist umwerfend. Wer vor einer Generation
im Kastensystem ganz unten bzw. außerhalb war,
kann nun Hoffnungsträger sein. Zur harten Sozialarbeit
kommt die Fantasie; Peter hat auch ein mehrstündiges
Drama über Women´s Liberation (Frauenbefreiung)
geschrieben und aufgeführt, er wird sich zerreißen,
um unsere Penthesilea - Teilaufführung am CSSTC
mit Kulissen und bengalischer Beleuchtung auszustatten....(Diese
zu schildern, wäre ein Thema für sich! Hier
sei nur so viel gesagt, dass diese Kleist´sche
Premiere in Südindien vor armen Fischerkindern
und in Kooperation mit Raji, einer kleinen indischen
Tänzerin als Kulturexport der ganz besonderen Art
aufgenommen wurde! Peters apartes Töchterchen Sonja
ist Star in Mathematik und für ihresgleichen wurde
von Direktor Fr A.Jacob Paliath das sog. Career-Guidance-Center gegründet,
das ein Studium ermöglicht und gleichzeitig die
so Geförderten wieder zur Hilfe verpflichtet. Nie
sollen die Wurzeln vergessen werden! Auch dort unter
den "Fortgeschrittenen" ist uns ein überwältigender
Empfang mit ganz besonders schönen Tänzen
und einer langen wohlgesetzten Rede durch eine Schülerin
beschert...aber auch für diese sinnvolle Institution
wäre Nachschub vonnöten! Es ist zu hoffen,
dass sich über Bildung auch das für viele
indische Familien so drückende Mitgiftproblem von
selbst auflösen wird, da für ein Mädchen,
das in der Lage ist, einen Beruf auszuüben, die
Mitgiftforderung selbst für indische Männer
ihren Sinn verliert...
Bemerkenswert und erfolgreich ist auch die Bildung und
Zusammenarbeit von Frauengruppen in den Dörfern
nördlich von Alleppey. Wir durften zwei ihrer Kreise
beiwohnen, sahen die sauber geführten Büchelchen
in ihren Händen, wo jeder kleine Beitrag zur gemeinsamen
Investition eingetragen wird und kauften in ihrem winzigen
neugegründeten Laden Nüsse. Man spürt
das Band, das diese Frauen verbindet, das Schweres als
geteiltes Leid besser ertragen und sie nach gemeinsamen
Lösungen suchen lässt. Klar, dass dieses Band
nicht gegen die Männer gerichtet ist und dass ihnen
die Religion eine große Stütze ist. Ob sie
wissen, dass sie im Paradies leben, fragen wir sie,
denn die strohgedeckten Hütten unter den Kokospalmen
sind keine 50m vom unberührtesten aller Robinson-Crusoe-Strände
entfernt. Lächelnd wiegen sie den Kopf auf indische
Art und fragen nicht zurück, ob wir wissen, dass
bei der nächsten Seeerosion womöglich ihre
Hütten weggerissen werden. Aber schon sind sie
dabei, bei der Regierung durch sanften Druck den Bau
eines Schutzwalles zu erwirken!
Ein völlig anderes Szenario stellt die von der
Society unterstützte Kokosmattenherstellung dar,
die wir von Anfang an, d.h. vom mit rhythmischem Gesang
unterstützten Ausladen der Nüsse vom Boot
und dem mühsamen Lösen der Fasern durch Frauen
- auch das Verzwirnen ist Frauenarbeit - bis zum Ende,
dem Auftragen von Mustern verfolgen. Das Ingangsetzen
der Häckseltrommel wird unter unseren Augen zum
Dorfereignis; noch ist das Verhältnis Mensch -
Maschine archaisch, gewissermaßen frühindustriell.
Besonders schöne, feste Matten sind das zweifellos,
die da in Kerala, dem Kokosland gefertigt werden, aber
kein Auftrag mehr aus Deutschland... Wie könnte
man helfen?
Einmal fahren wir so weit in den Norden, in die blauen
Berge, wo Tee und Pfeffer wächst, dass wir sogar
das Kokosland unter uns lassen. Im Dschungelgebiet leben
zurückgezogen in unmittelbarer Nachbarschaft mit
Elefanten, Affen, Bisons und Tigern die Ureinwohner,
erkennbar an der breiteren Kopfform und Wuschelhaaren.
Hier ist uns am wenigsten wohl, als wir ihre ärmlichen
Behausungen passieren; obwohl wir im Gefolge derer sind,
die ihnen zu Arbeitsmöglichkeiten verhelfen, lässt
sich das Gefühl, Eindringling zu sein, nicht abstellen.
Selbst hier oben fängt uns das Netz auf, das engagierte
Priester, noch vom Studium her befreundet, über
weite Strecken knüpfen. Der schelmische, ebenfalls
so jugendlich wirkende Father Sabu, der uns verköstigt
und so gerne Witze über Ameise und Elefanten erzählt,
entpuppt sich plötzlich als geachteter Direktor
der größten Schule des Pfeffergebiets in
Sultan Bathery. Während er uns im Direktorat begrüßt,
nähert sich ein Winzling, um dem Direktor vertrauensvoll
mitzuteilen, dass er jetzt gleich brechen müsse...Abends
in der Dschungelhütte: während im benachbarten
Hindutempel anlässlich des Ganesha-(=Elefantengott)
Festes die ganze Nacht die Trommel gerührt und
hingebungsvoll getanzt wird von den Bergbewohnern, die
uns ohne weiteres auch in ihre Mitte lassen, erfahren
wir schon auch mal etwas von der religiösen Motivation
dieser so hart in der Sozialarbeit werkelnden jungen
Priestern, von heiligen Orten, wo tausende Christen
zusammenströmen und die gemeinsame Energie und
Frömmigkeit auch das Erlebnis von Wundern nicht
ausschließt...Aber nie ist dieser Glaube penetrant
oder gegen einen andern gerichtet, auch gibt es in Südindien
(noch?) keine gehässigen Reaktionen fundamentalistischer
Hindukreise. Die boshafte Bemerkung Nietzsches über
die Christen: "Erlöster müssten sie aussehen!"
- an Direktor Fr A.Jacob Paliaths Lachen und das seiner Freunde würde
sie zerschellen!
So haben wir, ohne den Begriff zu benutzen, Theologie
der Befreiung in Reinkultur erlebt, sogar als im Bischofshaus
in Alleppey nach dem Mahle, ausgelöst durch unsere
"Kuttikals" (= Kinder), homerisches Gelächter
um sich griff.
Am ungehemmtesten konnte sich diese Fröhlichkeit
aber bei den Bootsfahrten in den Backwaters, so heißt
die ausgedehnte Wasserlandschaft des "Venedig des
Ostens" parallel zum Meer, in Stunden reinster
Erholung entfalten. Hier wurde weit hinaus gefahren,
an winzigen Inselchen gehalten, Kokossaft geschlürft,
in voller Kluft ins Wasser gesprungen, in Schlangenbooten
gekentert, den Bewohnern der Landzungen zugewunken,
ein 800 Jahre altes Backwaterhaus mit Kapelle und Reisspeicher
neben dem Esszimmer besucht und , natürlich, gesungen...
Immer wieder faszinierte mich diese ganz andere Art
zu singen, leise, mit geschlossenen Augen, das Lied
gleichsam zärtlich aus der Erinnerung heraufholend
und sich in Wellen rhythmischer und rhythmischer entfalten
zu lassen, bis die Rudergemeinschaft unverkennbar ist,
mitunter dem Gast eine Sequenz darreichend wie ein Geschenk...
Nie wurde es einem zu viel, wenn bei der nächtlichen
Heimkehr die Petroliumlämpchen in den Hütten
über dem Wasser aufleuchteten und die Fischer schon
wieder zur Nacht auf hohe See fuhren.
So sollte es uns auch nie zu viel werden,
weiterhin zu helfen und wen auch immer dazu anzuregen,
denn diese Hilfe trägt hundertfach Frucht.!
Gerhilde Winbeck
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